IOC setzt Verlegung des Marathon durch - die Pferde müssen durch die Hitze-Hölle

Credit : (FEI/Yusuke Nakanishi)

Mittwoch 06 November - 09h53 | Stephanie Sieckmann

IOC setzt Verlegung des Marathon durch - die Pferde müssen durch die Hitze-Hölle

In der vergangenen Woche wurden im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Tokio gleich zwei interessante Meldungen veröffentlicht. Beide befassten sich mit den klimatischen Bedingungen, die im nächsten Jahr zur Zeit der Olympischen Spiele in Tokio herrschen werden. Die eine, veröffentlicht vom IOC, bestätigte die Verlegung des Marathon der Leichtathleten auf die Insel Hokkaido. Der Grund: Schutz der Athleten. Die andere, veröffentlicht von der FEI, meldete die Ergebnisse der Messungen, die beim Testevent im August ermittelt wurden. Von einer Verlegung der Vielseitigkeit ist jedoch keineswegs die Rede, trotz alarmierender Ergebnisse. 


Die japanische Metropole Tokio ist für das anstrengende Klima bekannt, das im Juli und August herrscht. Das war auch bei der Vergabe der Oylmpischen Spiele an Tokio bereits Allgemeinwissen. Doch erst jetzt, nach den dramatischen Bildern der Leichtathletik-WM in Katar scheint den Entscheidern beim IOC aufgegangen zu sein, dass Tokio ein Desaster für die Athleten werden könnte. Aufgrund des Klimas, das im Juli und August in Japans Hauptstadt Tokio herrscht: heiß und schwül. Eine extreme Situation für Menschen, die Höchstleistungen bringen wollen. Aber eben auch für die Pferde. 

Die Leichtathleten haben Glück. Das IOC hat entschieden und in der letzten Woche mitgeteilt, dass die besonders anstrengenden und kräfteraubenden Wettbewerbe wie der Marathon und die Entscheidung bei den Gehern rund 800 km nach Norden verlegt werden, nach Sapporo auf der Insel Hokkaido, wo die Temperaturen rund fünf Grad weniger betragen. Tokios Gouverneurin Yuriko Koike war mit der Änderung nicht einverstanden. Das IOC hat sich bei seiner Entscheidung schlicht und einfach seiner Entscheidungshoheit bedient. 

Nach den Testevents Anfang August hatten die Schwimmer sich vehement zu Wort gemeldet und mitgeteilt, dass die Bedingungen nicht gut seien. Die Wassertemperatur sei zu hoch, das Wasser zu trübe. Der Verband kündigte daraufhin eine Überprüfung an. Dabei waren die Startzeiten der Freiwasserschwimmer bereits im Testevent von 10 Uhr auf 7 Uhr vorverlegt worden. Eine weitere Verschiebung auf frühere Morgenstunden wird derzeit in Erwägung gezogen, wie der Spiegel Online letzte Woche meldete. 



 


Beim Testevent der Reiter Anfang August in Tokio wurde eine Studie durchgeführt, die vom FEI-Klimaexperten Dr. David Marlin geleitet wurde. Hier standen die kombinierten Auswirkungen langer Reisezeiten und Entfernungen, Zeitzoneneinflüsse sowie Hitze und Feuchtigkeit im Mittelpunkt. Die Ergebnisse dieser Studie wurden letzte Woche von der FEI veröffentlicht. 

Der Bericht bestätigt, dass der hohe Wet Bulb Globe Thermometer (WBGT)-Index am Tag des Geländeritts (13. August) eine erhebliche Herausforderung für die teilnehmenden Pferde darstellte. Die Herzfrequenzen während des Cross Country -Ritts sowie Blutlaktat, Herzfrequenz und Rektaltemperatur nach dem Cross Country zeigten an, dass die Pferde nahezu mit maximaler Kapazität arbeiteten.
Der Wet Bulb Globe Temperature (WBGT) -Index wird zur Messung von Wärme, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Windfaktor verwendet. Dabei wird ein Wert unter 30 als akzeptabel angesehen. Erst Werte jenseits der 30 werden als so gravierend betrachtet, dass Streckenkürzungen oder andere Maßnahmen zum Schutz der Pferdesgesundheit notwendig werden. Beim Testevent in Tokio Anfang August wurden jedoch 
WBGT-Indexwerte im Bereich von 32-33°C gemessen. 

Zur Erinnerung: Bei den Weltreiterspielen in Tryon 2018 wurde von zahlreichen Reitern das Klima angesprochen. Sowohl für die Vielseitigkeitsreiter wie auch für die Vierspännerfahrer war der Geländetag mit der langen Strecke unter den gegebenen klimatischen Bedingungen eine Herausforderung. Auch dort lag eine hohe Luftfeuchtigkeit vor, auch dort waren die Temperaturen mit rund 28° Grad Celsius hoch. Der WBGT wurde daraufhin täglich mitgeteilt, erzielte aber nie den Schwellenwert von 30 Zählern.

Der Bericht hebt hervor, dass „alle Möglichkeiten untersucht werden müssen, um die Auswirkungen der wahrscheinlichen klimatischen Bedingungen zu mildern, einschließlich der Kürzung der Strecke und einer vorgezogenen Startzeit bei der Geländestrecke. Die Zeiten mit den höchsten WBGT-Belastungen gilt es zu vermeiden. Normalerweise liegen diese zwischen dem späten Morgen und dem späten Nachmittag." Der Bericht gibt auch an, welche Folgen ein Start für die Pferde hat, wenn der WBGT die Grenze von 30 überschreitet. 

Der Bericht sagt weiter: "Pferde, die mit maximaler Intensität bei WBGT-Indexwerten über 30°C gearbeitet werden, sind einem erhöhten Risiko der  ausgesetzt vorzeitig zu ermüden, Fehler  zu zeigen, Stürze zu erleiden, sich Verletzungen zuzuziehen und hitzebedingten Erkrankungen zu erleiden. Die Analyse historischer Aufzeichnungen und die Datenerhebung vor Ort zeigt, dass sehr hohe Werte des WBGT-Index häufig zwischen 11:00 Uhr erreicht  werden." 
Nach der bisherigen Zeitplanung sieht die Agenda das Ende des  Geländeritts in Sea Forest (SFC) jedoch für ungefähr 12:00 Uhr vor. Im Hinblick auf die Gesundheit von Pferd und Reiter sollte die Prüfung vor 11 Uhr abgeschlossen sein. Eine Verlegung der Vielseitigkeit nach Sapporo wäre für Pferde und Reiter sicher die wünschenswertere Alternative. 

Nach Gesprächen zwischen dem Tokioter Organisationskomitee für die Olympischen und Paralympischen Spiele (TOCOG), dem IOC und der FEI wurde Konsens darüber erzielt, die Startzeit für den Geländeritt am 2. August 2020 im Rahmen der Hitze-Gegenmaßnahmen auf 07:30 oder 08:00 Uhr vorzuziehen. Eine endgültige Entscheidung des IOC-Vorstands steht jedoch noch aus. 

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