Marcus Ehning: Cornado war bereit für Rio, aber es sollte nicht sein…

Credit : Scoopdyga (Archiv)

Mittwoch 07 Dezember - 15h04 | GrandPrix Magazin

Marcus Ehning: Cornado war bereit für Rio, aber es sollte nicht sein…

Marcus Ehning wird von Springsport-Enthusiasten gerne als Zentaur bezeichnet – aufgrund seines ausbalancierten Sitzes und seines exzellenten Stils. Nach zahlreichen großartigen Erfolgen, unter anderem mit Comme il Faut, Pret a Tout und Funky Fred, musste der Reiter bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 24 Stunden vor seinem Ritt den Start absagen, da sich Cornado verletzt hatte. Trotz dieser Enttäuschung brachte Marcus Ehning die Energie auf mit voller Kraft weiterzumachen. Der 42-jährige Champion knüpfte mit Siegen in CSI4-Stern und CSI5-Stern-Prüfungen wie Münster und Wien eine neue Erfolgsserie, die er mit dem Sieg der Mannschaft beim Nationenpreis-Finale in Barcelona Ende September krönte. Ende Oktober, im Rahmen der Lyon Horse Show, nahm sich Marcus Ehning Zeit für ein Interview mit GrandPrix Magazin.  

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G.P.: Was denken Sie über die Grüne Saison in diesem Jahr?

M.E.: Ich hatte ein großartiges Jahr, auch wenn ich bei den Olympischen Spielen aufgrund der Verletzung von Cornado nicht mitreiten konnte. Das ist das Einzige, was in diesem Jahr nicht rund lief. Abgesehen davon hatte ich einige sehr gute Ergebnisse, die sehr zufriedenstellend waren.


G.P.: Cornado war in der vergangenen Saison zwei Mal verletzt. Wie haben Sie die Saison im Hinblick auf seine Rekonvaleszenz geplant?

M.E.: So lange er nicht auf Turnieren unterwegs war, gab es keinen wirklichen Plan. Wir alle wissen wie talentiert er ist. Ich war überzeugt, dass er so stark zurückkommen würde, wie er es vorher war. Nachdem er dann letztes Jahr nach der Verletzung wieder das erste Turnier gegangen war, haben wir alles dafür getan, um ihn für die Olympischen Spiele in Rio aufzubauen. Unglücklicherweise durfte er sich nicht beweisen, weil wir kurz vor dem Start mit der neuen Verletzung konfrontiert wurden.
Auf der anderen Seite hatten wir ein phantastisches Jahr und er ist in allen Prüfungen in denen wir am Start waren hervorragend gesprungen. (Anmerkung der Redaktion: Sieg im CSI5* GrandPrix in s‘Hertogenbosch, vierte Plätze beim Weltcup Finale in Göteborg, Weltcup-Springen Bordeaux und im Nationenpreis in Rom.) Die Anzahl seiner Nullrunden ist außerordentlich hoch. Ich glaube wir hatten kein Mal mehr als acht Strafpunkte. Und auch das ist nicht oft vorgekommen (Anmerkung der Redaktion: lediglich sieben Mal in den ersten Umläufen schwerer Prüfungen seit Februar 2012.) Das ist für ein Pferd auf diesem Niveau unglaublich!

GP: Wie vereinbaren Sie die beiden verschiedenen Karrieren von Cornado – als Sportpferd und Deckhengst?

ME: Das ist ganz einfach für ihn, wie auch für Cordynox und Singular. Während der Grünen Siason planen wir eine Pause ein, in der die Deckhengste keine Turniere gehen, damit sie Samen in bester Qualität liefern können. Diese regelmäßige Pause bekommt Cornado sehr gut. Er ist bei Züchtern sehr gefragt. Ich habe ihn auch für meine Zuchtstuten eingesetzt.

G.P: Haben Sie schon einige seiner Nachkommen im Parcours gesehen?

M.E.: Ja, ich habe sogar zwei in meinem Stall stehen. Die Ältesten sind jetzt neun Jahre alt. Was ich bisher gesehen habe, meine ich, dass Cornado sich sehr gut vererbt. Seine Söhne haben eine unfassbar gute Technik am Sprung, perfekt. Ich glaube, dass ist seine bedeutendste Qualität. Die Nachkommen sind sehr vielversprechend.

G.P.: Wie haben Sie sich für die Olympischen Spiele vorbereitet? 

M.E.: Ich habe nichts Besonderes gemacht für die Vorbereitung. Aus der sportlichen Sicht sind die Olympischen Spiele ein Championat wie jedes andere, deshalb habe ich nichts geändert. Ich habe meine Starts bei Turnieren zielführend ausgewählt und meine Arbeit so strukturiert, dass Cornado auf den Punkt fit war zur richtigen Zeit. Wir waren bestens vorbereitet und heiß darauf loszureiten. Aber, na ja, das Schicksal hat anders entschieden…

G.P.: Wie haben Sie bemerkt, dass Cornado verletzt war?

M.E.: Während der Vorbereitung am Abend vor dem Eröffnungsspringen. Ich hatte gefühlt, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Am nächsten Morgen, als ich ihn aus der Box holte, war fünf Minuten alles in Ordnung. Aber als ich anfing zu arbeiten, merkte ich, dass ihn etwas stört. Nach dem ersten Check mit dem Mannschafts-Tierarzt haben wir beschlossen ihn nicht an den Start gehen zu lassen. Auch wenn seine Wiederherstellung etwas Zeit braucht, es war nichts Ernstes und nichts was bleibende Schäden hinterlässt, die ihm später Probleme bereiten. Jedenfalls wollten wir kein Risiko eingehen, nicht für ihn und auch nicht für die Mannschaft. Um so mehr da Otto Becker ein erfahrenes Paar dabeihatte, das uns ersetzen konnte.

G.P.: Die Entscheidung von Teamchef Otto Becker, wer zum Olympischen Team gehören sollte, hat einige Kontroversen verursacht. Es gab Stimmen die meinten, Meredith Michaels-Beerbaum und Fibonacci hätten von Anfang zum Team gehören sollen.

M.E.: Um ehrlich zu sein gebe ich nichts auf solche Gerüchte. In jedem Land gibt es Kommentare und Fragen. Viele Leute reden über unseren Sport ohne wirklich zu wissen was hinter den Kulissen vor sich geht.
Für Otto war diese Auswahl sehr schwierig, die Mitteilung seiner Entscheidung inklusive. Ludger Beerbaum, Christian Ahlmann, Daniel Deusser, Meredith und ich, wir hatten es alle verdient an den Olympischen Spielen teilzunehmen, wenn man betrachtet auf welchem Niveau wir mit unseren Pferden unterwegs sind. Es war nicht einfach vier Paare davon auszuwählen, oder fünf, auch andere sehr gute Paare klopfen an die Tür und haben eine Chance verdient. Aber es musste eine Entscheidung getroffen werden. Unglücklicherweise musste ich mich den Regeln des Sports beugen und meinen Platz räumen.

G.P.: Wie ging es Ihnen damit?

M.E.: Um ehrlich zu sein, sehr schlecht. Sehr, sehr schlecht sogar. Wir hatten so viel Energie investiert und so viel unternommen um uns vorzubereiten…

G.P. : Simon Delestre, der eine ähnliche Erfahrung machen musste wie Sie, entschied sich umgehend nach Frankreich zurückzufliegen. Noch vor dem Start der Prüfungen. Haben Sie darüber nachgedacht etwas Ähnliches zu tun?

M.E.: Ich möchte Simon’s Entscheidung nicht beurteilen. Ich denke es ist völlig verständlich, und bei seiner Familie zu sein, hat ihm sicher geholfen. Ich habe auch darüber nachgedacht, weil ich mich nicht gut gefühlt habe. Aber meine Team-Kollegen, allen voran Ludger, wollten das ich bleibe während der mannschaftsprüfungen. Also bin ich geblieben, für ihn, für sie – um ihnen zu helden. Ich bin erst danach nachhause geflogen.

G.P.: Was war Ihre Reaktion zum Medaillengewinn der Mannschaft nach dem Stechen gegen Kanada?

M.E.: Das war großartig – sie haben wie Löwen gekämpft. Es war eine großartige Belohnung für all die Monate an Arbeit. Auch wenn ich nicht geritten bin, habe ich mich mit ihnen gefreut, für uns und für den deutschen Sport generell. Der Wettbewerb in Rio war tough, aber wir haben eine Medaille geholt, deshalb waren wir schließlich gekommen. Das war großartiger Sport!

 

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G.P.: Einige Wochen später in Barcelona waren Sie wieder mit dem Team im Einsatz, diesmal für das Finale des Nationenpreises. Diesmal haben Sie im Stechen gegen Großbritannien die Kartoffeln aus dem Feuer geholt. Es sah aus als wäre das ein sehr emotionaler Moment für Sie…

M.E.: Das war ein unvergessliches Wochenende. Prêt a Tout hat sich perfekt gezeigt. Das Stechen war sehr besonders! Gegen den Olympiasieger anzutreten, das ist schon etwas Besonderes. Wir waren glücklich das Finale zu gewinnen, ich umso mehr, als ich in Rio nicht hatte reiten können. Es war ein wenig eine Revange für das Unglück, das ich zuvor in Rio erlebt hatte. Außerdem war es Ludger’s letzter Nationenpreis, die Emotionen waren groß. Wir wollten auch für ihn reiten.

G.P.: Welche Bedeutung hat er für Sie?

M.E.: Rund 25 Jahre, ein viertel Jahrhundert, hat Ludger das deutsche Team geprägt und war einer der Team-Leader, der DER Team-Leader. Dieser Mann hat praktisch bei allen großen Championaten und Nationenpreise teilgenomment. Er hat immer für das Team gekämpft. Bis heute ist der Reiter mit den meisten Medaillen in unserem Sport. Ludger ist eine Legende in Deutschland, daher war ganz offensichtlich sein letzter Nationenpreis-Start in Barcelona sehr bewegend. Wir waren sehr motiviert zu gewinnen, nicht zuletzt um ihm zu danken für alles was er für uns getan hat. Es war ein sehr schöner Moment, und ich weiß, dass er sehr gerührt war.

G.P.: Hat er vorher schon einmal Ihnen gegenüber erwähnt, dass er nach Rio aufhören will?

M.E.: Ja, wir hatten im Laufe der Saison ein paar private gespräche, aber keiner wusste etwas genaues. Wir wussten, dass er darüber nachdachte aufzuhören. Tatsächlich hatte er bereits vor einigen Jahren öffentlich darüber gesprchen, aber er hatte noch keine definitive Entscheidung getroffen. Wir haben es während der Olympischen Spiele erfahren.

G.P.: In Barcelona sagte Daniel Deusser, dass für eine Weile der Mannschaft etwas gefehlt hatte um die großen Championate zu gewinnen. Und in der Tat ist der letzte Titelgewinn eine Weile her - bei den Europameisterschaften in Madrid im Jahr 2011. Was ist ihre Meinung dazu?

M.E.: Ich denke, dass ist einfach so im Sport. Wir sind immer unter den besten Mannschaften in der Welt, aber wir dominieren die großen Turniere nicht, wie das früher war, weil der Sport sich verändert hat. Einige Nationen sind besser geworden, die Leistungsdichte ist anders. Trotzdem waren wir nicht weit davon entfernt in der Normandie Gold zu holen, bei den Europameisterschaften in Aachen oder auch in Rio. Ich glaube, dass wir wir insgesamt sehr gute Leistungen geziegt habenbei allen drei Championaten. Uns hat nur ein wenig Glück gefehlt.




 
 






 
 

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